Wer sich in Deutschland mit Fitness, Kraftsport oder gesunder Ernährung beschäftigt, kommt an der Marke ESN (Elite Sports Nutrients) nicht vorbei. Ob in den sozialen Medien, in Fitnessstudios oder in den Küchen ernährungsbewusster Konsumenten: Die schwarz-weißen Dosen mit dem „Designer Whey“ sind allgegenwärtig. Durch eine aggressive und hochwirksame Influencer-Marketing-Strategie hat sich das Unternehmen aus Elmshorn zum unangefochtenen Marktführer im Bereich Sports Nutrition in der DACH-Region entwickelt.
Doch hinter dem Hype um Proteinpulver und Riegel steht längst kein klassischer Mittelständler mehr. ESN hat in den vergangenen Jahren eine beispiellose wirtschaftliche Transformation durchlaufen – vom gründergeführten Handelsunternehmen hin zum Portfolio-Unternehmen eines der größten Private-Equity-Häuser der Welt. Die Frage „Wem gehört ESN?“ führt tief in die Mechanismen des modernen Beteiligungskapitals und großer Unternehmensfusionen.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Eigentümer: ESN ist Teil der Holding The Quality Group (TQG), welche seit Ende 2022 mehrheitlich dem britischen Private-Equity-Riesen CVC Capital Partners gehört.
- Die Konsolidierung: The Quality Group entstand aus dem Zusammenschluss von ESN (ursprünglich Fitmart GmbH) und der Lifestyle-Marke More Nutrition, um Synergien in Produktion, Logistik und Marketing zu heben.
- Die Historie: Was 2005 als kleiner Online-Shop der Gründer Murat Yeter und Waldemar Zahl begann, durchlief mehrere Evolutionsstufen über den Investor Vendis Capital bis zum heutigen Milliarden-Deal mit CVC.
Die aktuelle Struktur: CVC und The Quality Group
Um die Eigentumsverhältnisse zu verstehen, muss man zwischen der Marke und der dahinterstehenden Firmenstruktur unterscheiden. ESN ist heute keine eigenständige Firma im klassischen Sinne mehr, sondern die wichtigste Marke unter dem Dach von The Quality Group (TQG).
Seit 2022 liegt die unternehmerische Kontrolle bei CVC Capital Partners. Dabei handelt es sich um eine der weltweit führenden Private-Equity- und Investmentberatungsgesellschaften mit Sitz in Luxemburg und London. CVC verwaltet Vermögenswerte von über 100 Milliarden Euro und ist bekannt für Investments in prominente Assets wie den Uhrenhersteller Breitling, die Parfümeriekette Douglas, den Sportwettenanbieter Tipico oder die spanische Fußballliga LaLiga.
Dass ein Kaliber wie CVC bei ESN einsteigt, signalisiert eine klare strategische Stoßrichtung: Es geht nicht mehr um organisches Wachstum im deutschen Mittelstand, sondern um die Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang (IPO) oder den Weiterverkauf an einen globalen Lebensmittelkonzern. Die Bewertung von The Quality Group wurde beim Einstieg von CVC in Finanzkreisen auf bis zu drei Milliarden Euro taxiert.
Der Ursprung: Fitmart und die Gründerjahre
Die Wurzeln von ESN liegen weit entfernt von der heutigen Hochglanz-Finanzwelt. Gegründet wurde das Unternehmen 2005 im schleswig-holsteinischen Elmshorn. Die Gründer, Andurat (Murat) Yeter und Waldemar Zahl, starteten mit der Fitmart GmbH & Co. KG.
Ihr ursprüngliches Modell war der Betrieb eines Online-Shops für diverse Supplement-Marken. ESN wurde als Eigenmarke entwickelt, um unabhängig von Drittanbietern zu werden und höhere Margen zu erzielen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor in der Frühphase war die enge Verzahnung mit der Bodybuilding-Community „Team Andro“. ESN wuchs organisch, profitabel und ohne großes externes Risikokapital – ein klassischer „Hidden Champion“ des Mittelstands, der die Produktion („Made in Germany“) stets als Qualitätsmerkmal in den Vordergrund stellte.
2020: Der erste große Deal mit Vendis Capital
Der erste große Einschnitt in der Eigentümerstruktur erfolgte im Jahr 2020. Die Gründer von ESN (Fitmart) und die Gründer der damals rasant wachsenden Marke More Nutrition (Christian Wolf und Partner) entschieden sich für einen strategischen Zusammenschluss.
Zusammen mit dem auf Konsumgüter spezialisierten Investor Vendis Capital formten sie die Holding The Quality Group.
- Die Logik des Mergers: ESN stand traditionell für Performance, Bodybuilding und männliche Zielgruppen. More Nutrition bediente den Lifestyle-, Diät- und weiblichen Markt. Zusammen deckten sie das gesamte Spektrum ab.
- Die Rolle von Vendis: Der Investor kaufte die Mehrheit, professionalisierte die Strukturen, baute das Management aus und skalierte die eigene Produktion in Elmshorn massiv. Die Gründer blieben zu diesem Zeitpunkt noch signifikant beteiligt und operativ involviert.
2022: Der Exit an CVC
Nur zwei Jahre später war The Quality Group so stark gewachsen, dass sie für „Mid-Cap“-Investoren wie Vendis zu groß wurde. Im Sommer 2022 wurde bekannt, dass CVC Capital Partners die Mehrheit übernimmt.
Bei diesem Deal (Secondary Buyout) verkaufte Vendis Capital seine Anteile. Auch die ursprünglichen Gründer von ESN und More Nutrition veräußerten im Rahmen dieser Transaktion große Teile ihrer Anteile („Cash-out“), blieben jedoch oft mit Minderheitsanteilen rückbeteiligt („Re-Investment“), um vom weiteren Wachstum unter CVC zu profitieren. Operativ zogen sich die meisten Gründer jedoch aus dem Tagesgeschäft zurück und übergaben an angestellte Manager (C-Level).
Was bedeutet der Eigentümerwechsel für das Geschäft?
Der Übergang in den Besitz eines globalen Finanzinvestors hat die Strategie von ESN spürbar verändert.
- Professionalisierung und Skalierung: Unter CVC wurde massiv in die Logistik und Produktionskapazitäten investiert, um Lieferengpässe (die in der Hype-Phase 2021/22 häufig waren) zu minimieren.
- Internationalisierung: Der Fokus liegt nun auf der Expansion über die DACH-Region hinaus. ESN soll zu einer führenden europäischen Marke aufgebaut werden.
- Profitabilität: Finanzinvestoren trimmen ihre Portfoliounternehmen auf Effizienz. Prozesse werden gestrafft, und das Marketing wird noch stärker datengetrieben gesteuert, um den Unternehmenswert für den nächsten Exit zu maximieren.
Fazit: Eine Erfolgsgeschichte des deutschen D2C-Marktes
Die Antwort auf die Frage „Wem gehört ESN?“ lautet heute faktisch: Einem Konsortium aus internationalen Investoren unter der Führung von CVC Capital Partners.
Historisch betrachtet ist ESN eines der erfolgreichsten Beispiele für den Aufstieg einer deutschen „Direct-to-Consumer“ (D2C) Marke. Was in einer Garage in Elmshorn begann, ist heute ein Milliarden-Asset. Für den Kunden bedeutet dies, dass hinter der Dose Protein nicht mehr der lokale Mittelständler steht, sondern ein global agierender Konzern, der die Ressourcen hat, den Markt zu dominieren und Trends zu setzen.
