Die Geschichte von Zalando liest sich wie das ideale Drehbuch eines modernen deutschen Wirtschaftsmärchens. Was 2008 in einer Berliner Wohngemeinschaft mit dem Verkauf von Flip-Flops aus dem Keller begann, ist heute ein DAX-Konzern mit Milliardenumsätzen, der den Modehandel in Europa revolutioniert hat. Die orangefarbenen Pakete sind allgegenwärtig.
Doch mit dem Aufstieg in die erste Börsenliga hat sich auch die Eigentümerstruktur radikal gewandelt. Die Zeiten, in denen die Gründer Robert Gentz und David Schneider oder die aggressiven Frühphasen-Investoren von Rocket Internet (Samwer-Brüder) die Mehrheit hielten, sind lange vorbei. Heute ist Zalando eine klassische Publikumsgesellschaft mit einer überraschenden Machtverteilung: Die größten Stücke am Kuchen gehören nicht mehr deutschen Internet-Milliardären, sondern schottischen Fondsmanagern und einem dänischen Mode-Tycoon.
Das Wichtigste in Kürze
- Dominanz des Streubesitzes: Zalando befindet sich überwiegend im Streubesitz (Free Float); die Ära des dominierenden Ankeraktionärs endete 2021 mit dem Ausstieg der schwedischen Investmentgesellschaft Kinnevik.
- Die neuen Großaktionäre: Die größten Einzelpakete halten heute die schottische Investmentgesellschaft Baillie Gifford (bekannt für Tech-Investments wie Tesla) und der dänische Modeunternehmer Anders Holch Povlsen (Bestseller-Gruppe).
- Rolle der Gründer: Die beiden Co-CEOs Robert Gentz und David Schneider halten zusammen nur noch einen niedrigen einstelligen Prozentsatz der Aktien, steuern den Konzern jedoch weiterhin operativ.
Der historische Wandel: Der Ausstieg von Rocket und Kinnevik
Um zu verstehen, wem Zalando heute gehört, muss man wissen, wer das Unternehmen verlassen hat. In der aggressiven Wachstumsphase war Rocket Internet (Oliver Samwer) der treibende Finanzier. Doch Rocket Internet hat seine Anteile schon vor Jahren vollständig verkauft.
Noch entscheidender war die Rolle von Kinnevik. Die schwedische Investmentgesellschaft war über ein Jahrzehnt der wichtigste Ankeraktionär, hielt zeitweise über 30 Prozent und garantierte Stabilität. Im Jahr 2021 vollzog Kinnevik jedoch einen radikalen Schritt: Statt die Zalando-Aktien zu behalten, verteilte das Unternehmen sie als Sachdividende an seine eigenen Aktionäre. Damit löste sich der größte Aktienblock quasi über Nacht auf und verteilte sich auf viele Schultern. Dies machte Zalando endgültig zu einer echten „Public Company“ ohne einen einzelnen, alles bestimmenden Eigentümer.
Die Schotten kommen: Baillie Gifford
Wer hält heute die Zügel in der Hand? Ein Blick in die Stimmrechtsmitteilungen zeigt einen Namen ganz oben, den außerhalb der Finanzwelt kaum jemand kennt: Baillie Gifford.
Die traditionsreiche schottische Vermögensverwaltung (gegründet 1908 in Edinburgh) hält regelmäßig Anteile zwischen 10 und 12 Prozent an Zalando. Baillie Gifford ist kein normaler „Fonds“. Sie sind bekannt als extrem langfristig orientierte „Growth-Investoren“. Sie waren frühe Großaktionäre bei Amazon, Tesla und Airbnb. Dass sie der größte Aktionär bei Zalando sind, ist ein Vertrauensbeweis in das langfristige Plattform-Modell. Sie agieren nicht aktivistisch (mischen sich also selten lautstark ins Tagesgeschäft ein), stützen aber den Kurs des Managements, solange die Wachstumsstory intakt ist.
Der strategische Partner: Anders Holch Povlsen
Der zweitwichtigste Einzelaktionär ist eine Person, die das Modegeschäft besser kennt als jeder Banker: Anders Holch Povlsen. Der dänische Milliardär ist Eigentümer der Mode-Gruppe Bestseller (mit Marken wie Jack & Jones, Vero Moda, Only).
Über seine Investmentgesellschaft Aktieselskabet af 1.11.2019 hält er rund 10 Prozent an Zalando. Für Zalando ist Povlsen ein strategischer Glücksfall. Er ist kein reiner Finanzinvestor, sondern ein Industriepartner. Seine Marken werden über Zalando verkauft, und er versteht die Mechanismen von „Fast Fashion“ und Logistik. Seine Beteiligung gilt als stabilisierender Faktor, da er an einer langfristigen Partnerschaft und nicht am schnellen Kursgewinn interessiert ist.
Die Gründer: Wenig Aktien, viel Macht
Und was ist mit Robert Gentz und David Schneider? Die beiden Gesichter des Unternehmens, die Zalando seit Tag 1 leiten, sind immer noch als Co-CEOs an Bord.
Eigentumsrechtlich sind sie jedoch zu „Junior-Partnern“ geworden. Zusammen halten sie (inklusive Optionen) oft unter 5 Prozent der Anteile. Das ist typisch für Tech-Startups, die viele Finanzierungsrunden durchlaufen haben. Ihre Machtbasis ist nicht mehr ihr Aktienpaket, sondern ihre Position und ihr Standing im Unternehmen. Solange die Großaktionäre (Baillie Gifford und Povlsen) ihnen vertrauen, führen sie den Konzern. Sollte dieses Vertrauen schwinden, könnten sie – anders als ein Eigentümer-Unternehmer wie Elon Musk – theoretisch vom Aufsichtsrat abgesetzt werden, da ihnen die Stimmmehrheit zur eigenen Absicherung fehlt.
Die Rolle der Indexfonds: BlackRock & Vanguard
Wie bei jedem DAX-40-Unternehmen spielen auch bei Zalando die großen ETF-Anbieter eine Rolle.
- BlackRock
- Vanguard
- Allianz Global Investors
Diese Giganten halten jeweils Pakete im Bereich von 3 bis 5 Prozent. Sie kaufen die Aktien nicht unbedingt, weil sie spezifisch an Zalando glauben, sondern weil sie Geldflüsse in ihre Indexfonds (die den DAX abbilden) managen müssen. Sie sind das „passive Grundrauschen“ in der Aktionärsstruktur.
Fazit: Ein europäischer Tech-Konzern
Zalando gehört heute mehrheitlich dem angelsächsischen und skandinavischen Kapitalmarkt. Die Eigentümerstruktur ist ein Beleg für die erfolgreiche Transformation vom Startup zum etablierten Großkonzern.
Es gibt keine „Zalando-Familie“ mehr. Das Unternehmen gehört Investoren, die an die Zukunft des E-Commerce glauben. Mit Baillie Gifford und Anders Holch Povlsen hat Zalando jedoch zwei Ankeraktionäre gefunden, die das Unternehmen strategisch stützen und verhindern, dass es zum Spielball kurzfristiger Hedgefonds-Interessen wird. Für die Kunden und Mitarbeiter in Deutschland bedeutet das: Zalando wird zwar in Berlin gesteuert, aber die Gewinne fließen zu einem großen Teil nach Edinburgh und Dänemark
